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Hünfelder Schülerinnen und Schüler besuchen Kafkas „Die Verwandlung“ in Frankfurt

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt." – Auch in den folgenden Jahren steht Franz Kafkas „Die Verwandlung“ wieder auf der Leseliste für das Abitur im Fach Deutsch der Gymnasialen Oberstufe. Meist geht das schulische Lesen der Werke Kafkas mit allgemeiner Verwirrung einher: Wie lässt sich die Verwandlung eines Menschen in einen Käfer interpretieren?

Diese Frage stellt sich auch die Haushälterin in dem gleichnamigen Theaterstück von Jan-Christoph Gockel, das Schülerinnen und Schüler der Wigbertschule gemeinsam mit den Deutschlehrerinnen Kristin Suppelt, Tatjana Reiter und Jana Bormann in Fankfurt besuchten: Wer hat das gerade Aufgeführte abseits von Vaterkomplexen und biographischen Deutungsansätzen wirklich verstanden? Was bewirkt diese Erzählung beim Publikum, wenn dieses über die erlernten Deutungsansätze hinwegsieht?

Gockel integriert in seine Inszenierung der „Verwandlung“ viele auch in der Sekundärliteratur behandelten Deutungen der „Verwandlung“ und interpretiert das Stück gleichzeitig durch die Verwendung unterschiedlicher Größendimensionen und Marionetten neu: So wacht Gregor Samsa (Nils Krentinger) in Gockels Interpretation nicht als Käfer, sondern lediglich als Mensch in einem für ihn um einiges zu kleinen Zimmer auf, während seine Familie ihn als Puppe in einem viel zu großen Raum wahrnimmt. Durch diese Darstellung gelingt dem Regisseur vor allem die Veranschaulichung der abweichenden Selbst- und Fremdwahrnehmung des Protagonisten und dessen Familie, die wiederum mit der zentralen Fragestellung des Stückes einhergeht: Wer ist Gregor Samsa? Leidet er an einer Erschöpfungsdepression oder doch eher unter seinem Vater? Ist Gregor wirklich ein Käfer oder der Käfer nur Ausdruck sozialer Isolation?

Beantwortet werden die Fragen nicht: Gregor stirbt, wie in der Originalausgabe auch, am Ende des Stückes – und lässt damit die Interpretationsfreiheit beim Publikum. Immer wieder schafft es Gockel, das Publikum durch den gezielten Einsatz der Drehbühne und den damit eingeleiteten Dimensionswechsel, das groteske Porträtieren der einzelnen Familienmitglieder und vor allem durch den ständigen Bruch mit der Realität sein Publikum zu verwirren. So wird eine ähnliche Stimmung wie in der literarischen Vorlage erzeugt: Die Distanz der Erzählenden, deren emotionale Kälte und die bedingungslose Akzeptanz des Absurden bilden einen Kontrast zur ständigen Reizüberflutung der sich schnell abhandelnden Verwandlung der Familie und die damit einhergehenden dramatischen Folgen.

Den Schülerinnen und Schüler gab der Besuch des Schauspiels Frankfurt so die Möglichkeit, das bisher nur im Unterricht behandelte Werk noch einmal aus einer anderen, neu interpretierten Perspektive zu betrachten und ganz neue Eindrücke mit nach Hause zu nehmen.

Lea-Raissa Trausch, Q3